- Erfundenes ... realer als die Realität?

Corfino / Garfagnana
Osterseen
Lesung in der Gemeindebücherei
Unterhaching am 29. Januar 2008
- mit der Autorengruppe
Die Seitenspinner

Wenn die Leute lachen und dabei genau verstehen. Doch je mehr sie lachen, umso ernster ist es mir. Und vielleicht ist es ja dann meine Mischung aus deutschem sowie in Italien und Japan geprägtem Humor.
Osterseen

Wenn die Leute lachen und dabei genau verstehen. Doch je mehr sie lachen, umso ernster ist es mir. Und vielleicht ist es ja dann meine Mischung aus deutschem sowie in Italien und Japan geprägtem Humor.
Anzusehen
Youtube
Anzuhören

Der Bürgermeister von Pietraforte

 

Luigi war der Bürgermeister von Pietraforte, einem kleinen Touristenstädtchen direkt am Meer. Er saß im Garten seiner Villa unter einem Olivenbaum und dachte darüber nach, wie er zu Geld kommen könne. In den letzten Jahren hatte er einige Neubauten, kastenförmige Häuser in den Randbezirken des Städtchens, nach Amerika verkauft. Die waren jetzt weg und zu Geld gemacht. Geld hatte er also – nur offiziell eben nicht. Schließlich war er von der örtlichen linken Partei, und es war Tradition der örtlichen linken Partei, dass die Mitglieder kein Geld hatten, trotz der Touristenströme jedes Jahr. So manches Parteimitglied hatte zwar drei oder vier Hotels im Ort, aber die waren aus Sandstein und gehörten so fest zum Altstadtkern, dass man sie gar nicht richtig als Eigentum betrachten wollte.

Luigi war nicht allein beim Darübernachdenken, wie er zu Geld kommen könne. Der örtliche Makler, ehrwürdiges Mitglied der konservativen Partei, stand ihm dabei zur Seite. Er war es, der anmerkte, dass Luigi einen reichen Onkel in Amerika hatte. Und seine Idee war es auch gewesen, die Neubauten aus den Randbezirken an den reichen Onkel zu verkaufen. Jener Onkel war schon in den hohen Achtzigern, was die Sache sehr vereinfachte. Im Nu waren die Neubauten verkauft und verschwunden.

Dieses Mal aber war die Sache etwas schwieriger. Die Neubauten, für die sich die Touristen nicht interessiert hatten, waren alle verkauft. Man musste nun an den Altstadtkern heran, ohne die Feriengäste zu verjagen. Ihr Ausbleiben hätte Luigi den Kopf gekostet oder, noch schlimmer, das Bürgermeisteramt. Luigi und der Makler brauchten daher die Zeit von einigen Gläschen Wein, bis man eine Lösung gefunden hatte.

Man musste, so kamen beide überein, ein paar Wohnhäuser verkaufen, einfache, vierstöckige Palazzi aus der Altstadt; und dann sehen, wie sich die Lage entwickelte. Auf keinen Fall nämlich durften die Besucher das Verschwinden der Gebäude bemerken, nicht eines einzigen Bauwerks.

Als die ersten Touristen nach Pietraforte kamen und mit der ersten Wärme sich auch der Geruch von Sonnencreme in den Gassen und Sträßchen verbreitete, als Touristinnen mit langen, blonden Haaren und kurz abgeschnittenen Jeans über das Kopfsteinpflaster zu schlendern begannen – mit ihren männlichen Begleitern in Bermudashorts – da gesellte sich Luigi zu ihnen. Als sie an den Stellen vorbeikamen, wo einst die verzierten Prachtbauten gestanden hatten, hörte er besonders aufmerksam zu. Nur ein Wort des Bedauerns und er wäre sein Amt los gewesen. Aber so angestrengt er auch lauschte, niemandem war etwas aufgefallen. Sein Plan hatte funktioniert!

Sofort rannte Luigi zurück zu seiner Villa, bestellte den Makler zu sich und befahl ihm, die Bibliothek und ein paar weitere Palazzi zu verkaufen. Als der Makler zum Telefon griff, rief Luigi ihm zu, er solle nicht nur die Bibliothek verkaufen, sondern gleich alle Palazzi, einschließlich des Rathauses; und den Dom und das Kloster gleich mit dazu: „Verkaufen Sie alles, haben Sie gehört, alles, alles, alles!“

Schnell war der Ort an den Onkel verkauft. Ohne abzuwarten, bis der Makler aufgelegt hatte, rannte Luigi dorthin, wo einst die Stadt gestanden hatte.

Und überall waren nur noch Lücken. Nicht ein einziges Gebäude stand noch. Die Bewohner irrten umher, ohne Straßen, ohne Wege. Nur Autos und Motorräder hatten sie noch. Die Menschen fuhren hin und her und suchten nach ihren Häusern.

Die Einzigen, die sich weiterhin auf geordneten Bahnen bewegten, waren die Touristen. Hand in Hand oder in Gruppen liefen sie auf gewohnten Routen, blieben stehen, wo sich einst die Bibliothek befunden hatte, und bestaunten mit offenem Mund einen Dom oder ein Rathaus, das es gar nicht mehr gab.

Mit der Zeit gewöhnte sich Luigi an seine neue Stadt. Meistens verbrachte er den Tag im Garten seiner Villa. Eines Tages aber begab er sich auf die Landstraße und fuhr durchs Land, um in einer anderen Stadt für das Bürgermeisteramt zu kandidieren.

(von Ulrich Wenzel aus "Inselgeschichten", 2015)